Situation 1: Ihr Angehöriger zieht sich zurück und will nicht reden
Sie:«Ich sehe, dass du gerade viel trägst. Du musst mir nichts erklären. Ich bin einfach hier.»
Tipp:Schweigen aushalten. Körperliche Nähe anbieten (Hand halten, daneben sitzen), ohne Druck zu machen. Gerade in belasteten Phasen ist ruhige Anwesenheit oft hilfreicher als weiteres Nachfragen.
Situation 2: Ihr Angehöriger sagt, er/sie sei eine Last
Angehöriger:«Ihr wärt alle besser dran ohne mich.»
Sie:«Das stimmt nicht. Ich höre, dass du gerade sehr leidest. Ich bin froh, dass du das sagst. Denkst du auch daran, dir etwas anzutun?»
Wichtig:Suizidgedanken direkt ansprechen erhöht das Risiko NICHT — im Gegenteil, es kann entlasten. Wenn Sie unsicher sind: 143 (Dargebotene Hand).
Situation 4: Ihr Angehöriger ist gereizt und angreifend
Sie:«Ich merke, dass du gerade sehr angespannt bist. Ich gehe kurz raus und komme später wieder. Ich bin nicht böse auf dich.»
Tipp:Reizbarkeit ist ein häufiges Depressionssymptom. Sich kurz zu entfernen ist kein Versagen — es schützt die Beziehung. Besonders bei Männern zeigt sich Depression oft durch Reizbarkeit — mehr dazu in Modul 1.
Situation 5: Die Ärztin hat eine Behandlung empfohlen — Ihr Angehöriger lehnt sie ab
Sie:«Ich habe gehört, dass du das nicht machen möchtest. Darf ich fragen, was dich zögern lässt?»
Angehöriger:«Ich will keine Medikamente nehmen. Ich komme auch so klar.»
Sie:«Ich respektiere das. Ich mache mir trotzdem Sorgen — und ich wäre froh, wenn du die Ärztin wenigstens fragst, was passiert, wenn du es nicht nimmst.»
Tipp:Nicht überzeugen — Fragen stellen. Hinter Ablehnung steckt oft Angst vor Kontrollverlust, Nebenwirkungen oder Stigma. Verstehen Sie zuerst den Grund, bevor Sie informieren. Und: Es ist nicht Ihre Aufgabe, jemanden zur Behandlung zu zwingen — wohl aber, Sorge auszusprechen.
Das Thema Suizid ansprechen
Viele Angehörige haben Angst, das Thema Suizid anzusprechen — aus Sorge, damit «auf die Idee zu bringen». Diese Angst ist verständlich, aber wissenschaftlich nicht begründet: Direktes, einfühlsames Ansprechen von Suizidgedanken erhöht das Risiko nicht und kann sogar entlastend wirken [4].
Wenn Sie sich Sorgen machen, fragen Sie direkt: «Hast du Gedanken daran, dir etwas anzutun?» Wenn die Antwort Ja ist: Bleiben Sie bei der Person, rufen Sie gemeinsam Hilfe an, und lassen Sie die Person nicht allein.
Eskalationsstufen · Modul 2
Suizidalität einschätzen — drei Alarmstufen
Nicht jede Äusserung ist ein Notfall — aber jede verdient Aufmerksamkeit. Diese Stufen helfen Ihnen, die Dringlichkeit einzuschätzen.
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Stufe 1 · Passive Todeswünsche
«Ich will nicht mehr leben», «Es wäre besser, wenn ich nicht mehr da wäre» — ohne konkreten Plan. Ernst nehmen, aber kein unmittelbarer Notfall.
→ Offen ansprechen · Nicht allein lassen · Behandlungsteam informieren
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Stufe 2 · Aktive Suizidgedanken ohne konkreten Plan
- Deutliche Aussagen über Suizid als Möglichkeit
- Zunehmende Hoffnungslosigkeit, sozialer Rückzug
- Geschlechtsspezifisch: Frauen oft langsam eskalierend; Männer oft Reizbarkeit → Stille
→ Direkt fragen: «Hast du Gedanken, dir etwas anzutun?» · Heute Fachperson kontaktieren · 143 Dargebotene Hand
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Stufe 3 · Konkreter Plan — akute Krise
- Äusserungen über Methode oder Zeitpunkt («Ich weiss, wie»)
- Plötzliche Ruhe nach langer Aufgewühltheit
- Abschiedsnachrichten, Verschenken von Besitz
- Männer sterben 3–4× häufiger durch Suizid — auch wenn sie seltener darüber sprechen
→ Nicht allein lassen · Sofort 144 oder 143 anrufen — gemeinsam
Wenn Sie anrufen möchten
Wenn Sie Sorge haben, dass Ihr Angehöriger in Gefahr sein könnte, rufen Sie an. Sie müssen die Lage nicht vorher sortieren und auch nicht perfekt formulieren:
«Ich bin Angehörige*r von jemandem mit Depression und mache mir gerade grosse Sorgen. Ich brauche Rat.»
Die Fachpersonen am Telefon führen Sie durch das Gespräch. Sie müssen nicht vorbereitet sein.
Erfahrungsbericht
Mein Sohn war 19, als er in seine erste schwere Depression fiel. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte — also sagte ich viel zu viel. Ich redete, ermutigte, argumentierte. Er zog sich immer mehr zurück. Irgendwann sagte mir eine Therapeutin: «Hören Sie auf zu reden. Sitzen Sie einfach bei ihm.» Das war das Schwerste, was ich je getan habe. Aber es war das Richtige. Langsam, sehr langsam, begann er wieder zu sprechen.
— Mutter, 51 Jahre (anonymisiert)
«Ich habe gelernt: Anwesenheit ohne Worte ist manchmal hilfreicher als jedes richtige Argument.»